Alle Beiträge von hannatagebuch

Wie der Name schon zeigt, ich bin weiblich. Ich habe schon ein " gewisses " Alter erreicht, ich stehe kurz vor der Rente. Ich habe 3 Geschwister, wovon 2 schon in jungen Jahren gestorben sind.Lange bevor meine Eltern alt wurden. Ja, die Eltern alt wurden... Darüber schreibe ich in meinem Blog. https://alzheimertagebuch.wordpress.com/ Viel Vergnügen beim Lesen. Eure Hanna

Unterkapitel 10

Unterkapitel 10

Als ich zu Hause war rief ich erst mal im Krankenhaus an, was bei der Darmspiegelung herausgekommen sei. Eine Schwester sagte mir, dass die Darmspiegelung nicht geklappt hatte, weil der Darm noch nicht sauber war und sie nun weiter Abführmittel trinken muss. Morgen soll alles wiederholt werden.

Ich kriege fast die Krise! Sie hat eine bekannte Eisenmangelanämie, wenn sie nur mal alle früheren Berichte lesen würden, dann könnten sie Muddi diese Tortur ersparen!!!

Wir wissen ja, wie sie vorher war, ohne den linken hängenden Mundwinkel, ohne den linken Arm, den sie nicht mehr benutzt. Sie hatte sicher einen leichten Schlaganfall und man sollte sich doch lieber darum kümmern! Auf einen leichten Schlaganfall folgen oft noch einige und auch schwere Schlaganfälle!

Die Schwester, mit der ich telefoniere, sagt, sie könne da nichts machen, Anordnung ist eben Anordnung…

Edda und ich rufen nun Mittwoch und Donnerstag abwechselnd im Krankenhaus und bei Vaddi an.

Am Donnerstag, 27.1.2011 hatte Muddi im Krankenhaus einen schweren Schlaganfall!!!

Man hatte bei Edda angerufen, um uns diese Botschaft zu machen. Jetzt kommt sie sofort auf die neurologische Intensivstation! Gott sei Dank! Vaddi macht sich sehr große Sorgen um Muddi. Er weint viel, auch am Telefon. Er hat große Angst um sie!

Am Wochenende fahren meine Neffen Max und Jörn ohne ihre Frauen und Kinder zu ihren Großeltern. Jörn hat unterwegs eine Autopanne. Sie besuchen Muddi im Krankenhaus und schlafen im Camper von Jörn vor dem Haus. Es geht Muddi überhaupt nicht gut!

Max fährt sonntags mit dem Zug nach Hause, Jörn bekommt am Montag sein Auto notdürftig repariert und fährt, bevor er nach Hause fährt, bei Muddi im Krankenhaus vorbei. Es geht ihr etwas besser. Vaddi kann etwas aufatmen. Jörn berichtete uns später, dass er nun alle Militärgeschichten von Vaddi kennt. Die tollen Geschichten von seiner Militärzeit. Die Geschichten, die er immer wieder gerne erzählte. Ich kenne sie. Alle kenne ich sie.

Muddi und Vaddi können eigentlich gar nicht mehr allein wohnen bleiben, der Gedanke wird nun immer stärker. Wir hatten in den letzten Jahren auch oft einmal mit ihnen darüber gesprochen und hatten bei uns in der Nähe auch nach etwas gesucht. Das letzte Objekt war toll, eine Unterwohnung im 2- Familienhaus, großer Garten mit Teich, da hätten sie auch ihre Goldfische und Frösche mitnehmen können. Den Garten wollten wir pflegen, hatten wir versprochen, sie brauchten ihn einfach nur genießen. Doch einen Tag vor der Vertragsunterzeichnung sagten sie ab. „Wir wollen nicht!“ Wir mussten alles wieder absagen.

Dann gab es noch ein tolles 1 Familienhaus in unserem Ort. Da könnten wir mit den beiden zusammen wohnen. Um das wirklich zu realisieren, hätten Claus und ich nach oben in die kleinere Wohnung ziehen müssen, damit sich unten Muddi und Vaddi ebenerdig in 100 qm ausbreiten können. Und für unseren Campingbus hätten wir keinen Parkplatz vor dem Haus. Aber man kann fußläufig, nur über die Straße, zum Einkaufen und zur Sparkasse.

Die Vermieter wollten uns allerdings dann irgendwie nicht. Vielleicht wollten sie sich nicht darauf einlassen, weil meine Eltern ja nun schon ziemlich alt sind (damals 87 und 92 Jahre alt…) und irgendwann in naher Zukunft dort nicht mehr wohnen können oder werden. Dann ist das Haus, weil es ja keine wirklich abgeschlossenen Wohnungen sind, auch wieder schwerer zu vermieten, wenn wir dann nicht allein in allen 180 qm wohnen bleiben wollen.

Das war uns dann auch ganz recht, denn so toll fanden wir die Situation, mit meinen Eltern zusammen unter einem Dach, nun auch nicht. Da hatte einfach das Schicksal entschieden.

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Unterkapitel 9

Unterkapitel 9

Nach diesem Adventswochenende waren Claus und ich aber etwas beunruhigt. Wir trafen uns am 23.12. in Oldenburg bei einem meiner Neffen, die anderen sind auch gekommen, es gab Waffeln und wir machten die Oma/Opa Bescherung. Und wir erzählten von den beiden.

Anfang Januar 2011 hatte ich dann mit Edda telefoniert. Ob wir nicht mal dorthin fahren könnten. Nur wir 2 Mädchen. Ohne Männer, nur wir 2. Das würde Muddi und Vaddi bestimmt gefallen.

Roland gab seiner Frau frei, sie sind ja selbstständig und die Arbeit war gerade wieder so richtig angezogen. Aber Roland fand das in Ordnung und wir überlegten uns schon mal einen Termin Ende Januar oder Anfang Februar. Ich hatte sogar eine Ferienwohnung ein paar Häuser weiter gefunden, wo wir übernachten könnten. Im Winter im Wohnwagen ist nicht so prickelnd…

Da liegen wir hier nun im Bett in dieser Ferienwohnung, genauso wollten wir das ja auch. Aber leider ist der Grund unseres Besuches plötzlicher und auch weniger schön, als wir dachten.

Als Kinder hatten wir uns auch ein Zimmer geteilt. Und wir hatten so vieles miteinander geteilt. Eigentlich waren wir als Kinder beste Freundinnen.

Im Laufe der vielen Jahre haben wir immer weniger Kontakt gehabt, also solch ein Schwester zu Schwester Kontakt. Claus und ich wohnten nun weit weg. Wir hatten unsere eigenen Familien, wir haben uns immer als Familien getroffen. Das war auch immer sehr schön, wir hatten immer noch viel zusammen unternommen, aber nur wir 2 Mädchen, das war sehr selten geworden.

Mein Mann Claus ist nun selber in Rente gegangen. Wir sind von Baden Württemberg nach Ostfriesland gezogen, ich hatte nur noch eine 50% Stelle.

Dadurch konnten wir jetzt öfter bei den beiden vorbeikommen. Dabei merkten wir, dass die Gartenarbeit für sie zu schwer wurde, wir mähten den Rasen, schnitten die Hecke, entrümpelten den Schuppen, in dem sich Glasabfälle und verrostete kaputte Stühle stapelten. Die meisten Dinge erledigten wir heimlich. Morgens um 5 Uhr strich ich die kleine Mauer neu, die alte Farbe war abgeblättert. Vaddi bemerkte es erst einen Tag später.

Einmal pro Jahr traf sich die gesamte Familie, um Klarschiff im Garten zu machen.

Bäume wurden beschnitten oder gefällt, alles zerschreddert, neuer Kies in der Einfahrt aufgetragen, Zäune repariert. Dann sah alles wieder gut aus.

Aber solche Aktionen bedurften einer großen Überredungskunst. Unser Vater wollte sich nicht helfen lassen. „Nun setzt euch doch mal, lass uns erzählen“, sagte er immer. Er wollte gerne alle um sich herum haben, aber solche Sachen macht er schon noch.

Ich kann alles, nur nicht mehr so schnell“, war sein ständiger Spruch. Leider passte sich der Rasenwuchs nicht seinem Alter an.

Er hatte immer Angst davor, es könne Jemand denken, dass er es nicht mehr selber kann, das würde ja bedeuten, sie wären alt, aber das sind sie noch nicht.

Fürs Alt Sein haben wir noch Zeit genug“.

Anschließend war er aber doch froh, dass es erledigt war und lud uns allesamt zum Essen in ein Lokal ein.

Unterkapitel 8

Unterkapitel 8

Meine Eltern fuhren nun in etwas höherem Alter auch nicht mehr mit dem Campingbus in die Ferien, sondern mit Reisebus oder Schiff.

Jedoch sagte Vaddi ständig jedem, dass er unbedingt mit 90 mit seinem Auto durch ihren kleinen Ort rauschen wollte und freute sich unbändig über den Witz. Jeder sagte dann „das ist doch viel zu schnell“, während er bei den 90 über sein Alter sprach.

Zum Einkaufen wählte er immer die Wege, bei denen er nur noch rechts abbiegen musste. Die Autos auf der Bundesstraße waren ihm zum Linksabbiegen zu schnell.

Erst als unser Vater fast 91 Jahre alt war, verkaufte er seinen VW Campingbus. Und sofort einen Rollator, den er Rolls nannte und ihn immer unter dem Carport parkte. Und wenn sie damit zum Einkaufen gingen, parkte er seinen Rolls bei den Autos in der Nähe der Einkaufswagen. So wie früher sein Auto.

2010 musste ich an Weihnachten arbeiten und dann auch gleich zwischen den Jahren, sodass wir in diesem Jahr zum ersten Mal nicht an einem der Feiertage da sein wollten. Dafür aber am 4. Adventswochenende. Anfang Dezember rief meine Mutter beinahe jeden Tag bei uns an. „Kommt Ihr Weihnachten?“ „Nein, Muddi, aber am 4. Advent.“ „ Ach, das ist gut, dann könnt ihr ja die Geschenke mitnehmen.“ Beinahe jeden Tag! „Ich schreib mir das jetzt auf“, sagte sie.

Na, nicht das sie alt wird“, hatten Claus und ich gesagt. Mehr nicht.

Geschenke verschicken ist nun ohne Auto auch schwierig geworden, weil die Post im Industriegebiet noch einige Kilometer weiter weg als das Einkaufszentrum war. Also die Postfiliale, denn die Post hatte natürlich in diesem Ort auch geschlossen.

Als wir dann am 4. Adventswochenende dort waren, waren ihre bestellten Bilder noch nicht fertig. Jedes Jahr bekamen wir alle einen selbstgebastelten Kalender mit schönen Fotos. Aber das Geld, das sie immer großzügig unter uns Kindern, Enkeln und Urenkeln verteilten, das konnte schon mal in die Umschläge. Dabei verlor Muddi total den Überblick, sodass Claus anfing, eine neue Liste zu schreiben, wer was bekommt und wer jetzt schon einen Umschlag hat.

Muddi wollte mit mir auch noch in einen Einkaufsladen. Mit Mühe konnte ich sie davon abhalten, Babykleidung für ihre Urenkel zu kaufen, aus dem Alter waren 3 schon heraus und beim letzten wusste auch ich die exakte Größe nicht. Also wenigstens Geschirrhandtücher, wie jedes Jahr.

Aber sie war froh, jetzt mit mir mit dem Auto dort hin zu kommen. Denn sie fuhr im Sommer jeden Tag mit dem Fahrrad und ab Oktober allein zu Fuß mit dem Rolls den kleinen Berg hoch zum 1,5 km entfernten Supermarkt. Und wieder zurück. Jeden Tag. Die Bildzeitung kaufen. Vaddi machte diesen Weg nicht mehr so gerne, weil er Probleme mit den Knien hatte. Aber zum Arzt wollte er deswegen nicht.

Wenn Muddi ihre Einkaufsliste schrieb, benutzte sie immer den Lageplan des Supermarktes, auf dem steht, wo dort alles zu finden ist. Schön der Reihe nach, erst Obst, dann Toast, Dosenmilch, Wurst, Käse, danach Putz- und Kosmetikartikel. Der Plan war schon ziemlich abgegriffen und ich wollte später einen neuen besorgen und ihn laminieren.

Vaddi erzählte mal, dass Muddi die Dosenmilch nicht mitgebracht hätte. „Wenn ich schon an der Kasse bin, geh ich doch nicht noch mal zurück“, sagte sie daraufhin. Irgendwie amüsierte mich das, als ob Vaddi petzen würde, einfach verraten, dass ihr mal etwas nicht eingefallen war, obwohl es auf dem Zettel stand.

Mit der Erkenntnis von heute weiß ich, sie hätte sich im Einkaufsladen verlaufen. Es musste immer der gleiche Weg sein.

An der Kasse gab sie immer ihr Portemonnaie rüber, man nahm das Geld, gab ihr die Quittung, schönen Tag noch. Sie konnte nicht mehr so gut sehen, weil sie eine Makuladegeneration hatte.

Die Rückseite der Quittung diente dann als Einkaufszettel für den nächsten Tag. Butter oder Dosenmilch, Bild und freitags Hör Zu stand dann da drauf.

Unterkapitel 7

Unterkapitel 7

Bei Edda klingelt das Handy, es ist von ihrer Firma, da muss sie dran. Also verzieht sie sich ins Treppenhaus, damit keiner merkt, dass sie im Krankenhaus mit dem Handy telefoniert.

Plötzlich kommt eine Schwester ins Zimmer und sagt schroff: “ Sie sollen ins Arztzimmer kommen“. Edda ist noch nicht zurück, aber die Bettnachbarin sagte Edda, wo ich nun hin bin. Wir sagen unsere Bedenken wegen des Schlaganfalles und wir schreiben uns auch den Namen der Ärztin auf. Sie habe ja am Freitag bei der Aufnahme schon ein neurologisches Konsil gehabt, da wäre nichts, aber das Hb ist so niedrig, vielleicht blutet sie in den Darm, da hätte man vor 3 Jahren mal einen Polypen entfernt. Auf unsere Bedenken geht sie, ziemlich bestimmt, gar nicht ein. Sie ist die Fachfrau, sie sagt, wo es langgeht.

Morgen soll sie eine Darmspiegelung bekommen. Dafür muss sie Unmengen Abführflüssigkeit trinken. In das viel zu enge 3 Bettzimmer ist eben noch ein 4. Bett hinein geschoben worden.

Edda und ich essen wieder in der Kantine des Krankenhauses. Am Nachmittag gehen wir zum Kaffee mit Vaddi zum Nachbarn Hermann, der hat heute Geburtstag. Vaddi will eigentlich nicht, aber wir überreden ihn. So viele Leute auf einmal in einer geschlossenen Wohnung ist eigentlich nichts für ihn. Zu unserer Überraschung unterhält er sich aber ganz gut, sodass Edda und ich kurz darauf wieder zu Muddi ins Krankenhaus fahren, um sie beim Abführen zu unterstützen. Unmengen trinken ist schon lange nichts mehr für Muddi. Wir mussten die beiden immer wieder anhalten, etwas mehr Flüssigkeit zu sich zu nehmen.

In dem viel zu engen 4 Bettzimmer steht jetzt auch noch ein Toilettenstuhl neben ihrem Bett, weil durch das dazugestellte Bett der Eingang zum Badezimmer sehr eng geworden ist. Zu eng für künstlich herbeigeführten Durchfall. Es riecht auch dementsprechend. Sie kann da nichts dafür. Muddi tut uns unendlich leid!

Am Dienstag wollen wir wieder fahren. Wir müssen ja auch wieder arbeiten. Und so fahren wir noch bei Muddi im Krankenhaus vorbei, um uns zu verabschieden. Sie sitzt auf dem Toilettenstuhl. Wir wollten noch etwas von der Ärztin wissen, aber die kennt man hier nicht!!! “Ach, dann war das die AIP, die ist heute nicht da.” Wir sind total verunsichert!

Wir geben unsere Telefonnummern an, denn bei Vaddi anzurufen, das hat wenig Sinn. Er wird nicht verstehen, was sie wollen und wird uns, wenn denn überhaupt, nur unzureichend informieren.

Vaddi macht sich natürlich immer noch große Sorgen um Muddi, aber er ist jetzt auch ein wenig überfordert mit dieser Situation. Wir erklären Vaddi, dass man uns anrufen wird, wenn etwas ist und dass wir jeden Tag bei ihm anrufen werden.

Dann fahren wir wieder nach Hause, Roland holt Edda in Oldenburg ab. Auch die Oldenburger Enkel machen sich große Sorgen.

Die 4 Tage, die Edda und ich nun zusammen waren, haben uns richtig gut getan. Wenn man von dem Grund unseres Besuches einmal absieht. Schon lange nicht mehr hatten wir so viel Zeit für einander. Als wir am ersten Abend im Bett nebeneinander lagen, konnten wir gar nicht einschlafen. Es sind uns so viele Dinge eingefallen. Von früher.

Und wir stellten fest, dass Muddi schon etwas tüddelig geworden ist. Aber sie hatte auch früher Witze nicht verstanden und konnte kein Autofahren. Dafür erledigte sie immer alle Anrufe und Bestellungen. Da hatte jeder so seine eigenen Aufgaben. Und das war gut so. Vaddi drehte die Sicherungen wieder ein, was oft vorkam, denn wenn man in diesem alten, kleinen Haus gleichzeitig zwei Geräte anschaltete, dann flog die Sicherung einfach heraus. Muddi wusch die Wäsche, kümmerte sich um die Blumen im Garten. Vaddi schälte die Kartoffeln, mähte den Rasen und stellte die Mülltonnen vor die Tür.

Früher gab es in diesem kleinen Ort auch noch Einkaufsläden. Das war, als sie 30 Jahre zuvor dort hingezogen waren. Sie hatten ziemlich schnell einen neuen und großen Freundeskreis aufgebaut, fast alles natürlich ältere Leute. Diese sind dann natürlich auch genauso 30 Jahre älter geworden. Manche sind auch schon verstorben.

Und die Einkaufsläden hatten geschlossen, weil ein Supermarktzentrum am Ortsende aufgemacht hatte. So lange sie Autofahren konnten, war das ja auch kein Problem.

Unterkapitel 6

Unterkapitel 6

Der Sonntagabend mit Vaddi wird für uns beide ziemlich anstrengend. Eigentlich hatten Edda und ich Redebedarf, was da jetzt so passiert ist. Aber Vaddi hatte auch Redebedarf. Er wollte uns unbedingt noch die Geschichte erzählen, wie er beim Militär 13 Männer, die alle Meier hießen, in ihre verschiedenen Abteilungen unterbringen musste. Sie hießen fortan nur noch Meier 1 bis 13. Edda kannte diese Geschichte schon und gab vor, sehr müde zu sein. „Ich geh schon mal rüber in unsere Ferienwohnung und leg mich hin“, sagte sie. Vaddi schaute ziemlich enttäuscht und ich versprach ihm, ein Bier mit ihm zu trinken. Dann kann er mir die Geschichte einmal in aller Ausführlichkeit erzählen. Sie war sehr spannend, doch leider hatte auch ich sie schon mehr als duzend Male gehört.

Da Vaddi überhaupt nicht über Muddi reden wollte, ließ ich ihn damit auch in Ruhe. Ich hätte zwar gerne gehört, wie sich das alles die letzten Tage abgespielt hatte, aber, wie gesagt, ich ließ ihn damit in Ruhe. Er muss sich bestimmt mit seinen anderen Geschichten ablenken und ich fand das dann auch in Ordnung.

Am nächsten Morgen, nachdem wir mit Vaddi gefrühstückt hatten, kaufen Edda und ich erst mal in der Stadt ein paar Dinge für Muddi ein. Sie braucht etwas Unterwäsche, Pullis und Jogginghose und einen neuen Schlafanzug. Ihre Sachen im Schrank sind allesamt nicht mehr so toll. Das ist uns früher nie so aufgefallen, Nacht- und Unterwäsche sahen wir höchstens mal montags auf der Leine zum Trocknen. Da haben wir vielleicht auch mal drüber geschmunzelt, was Muddi für Schlüpfer trägt und die ausgeleierten Schlüpfer dienten immer als Putzlappen. Wir können uns alle an diese Lappen mit rosa oder hellblauen Blümchen erinnern, wenn wir im Badezimmer waren.

Neue Hausschuhe zu kaufen war wirklich nicht so einfach. Wir fanden ein Paar mit Klettverschluss, die auch bis über die Knöchel reichen. Edda und ich probierten sie jeder in unserer Größe an und dann kauften wir auf Verdacht ein Paar in Muddis Größe.

Die Schlafanzugshose lassen wir in einer Änderungsschneiderei nach Gefühl kürzen, denn Muddi ist klein. Jetzt kostet der Schlafanzug gleich doppelt so viel, aber wir wissen nicht, ob Muddis Nähmaschine noch funktioniert, ob Vaddi uns dazu Zeit lässt und sie braucht das ja alles am besten schon gestern…

Es ist ja nun Montag und wir hegen große Hoffnung, heute einen Arzt sprechen zu können. Als wir im Krankenhaus angekommen sind, ist Muddis Platz im Krankenzimmer leer. In uns krampft sich alles zusammen. Was ist los?

Sie ist zur Magenspiegelung“, sagte ihre Bettnachbarin. Wir warten auf dem Flur, auf dem an einer Wand, wie in einem Kino, solche Einklappstühle angebracht sind. Hektisches Treiben ist auf dem Flur, Schwestern und Ärzte eilen an uns vorüber, den Blick immer auf irgendetwas gerichtet, um nur ja keinen Angehörigen ansehen zu müssen. Dazu ist jetzt keine Zeit.

Ein Bett wird am Ende des Flures um die Ecke geschoben, wird dort abgestellt, keiner brachte das Bett ins dazugehörige Zimmer. Keine Zeit, scheinbar. Edda und ich sitzen auf dem Flur, nur ein paar Meter entfernt und merken nicht, dass der Patient in dem Bett da Muddi ist.

Direkt neben uns auf dem Flur wird ein Gespräch Arzt – Angehöriger geführt. Wir bemühen uns inständig, nicht zuzuhören und beschäftigen uns sehr intensiv damit, auch diesen ~ nicht Zuhörer~ Eindruck zu unterstreichen. Für uns hat man keine Zeit.

Unterkapitel 5

Unterkapitel 5

Muddi liegt in einem sehr engen 3 Bettzimmer auf der inneren Abteilung. Sie sieht aber besser aus, als wir befürchtet hatten. Wir bemerken, dass der linke Arm nicht richtig funktioniert und der linke Mundwinkel hängt. Muddi kann auch sehr schlecht sprechen. Sie bekommt mehrere Bluttransfusionen, die meisten laufen nicht in die Venen, sondern in den Arm, er ist blitze blau!

Ich kann nicht richtig reden“ stammelte sie immer wieder und versuchte, Worte zu bilden.

Als das Mittagessen gebracht wurde, setzte man sie an die Bettkante und wir sind in der Zeit mit Vaddi in die Kantine vom Krankenhaus, auch etwas essen. Vaddi hat bestimmt schon einen ganzen Tag lang nichts gegessen. Er kann eigentlich gar nicht ohne Muddi. Wenn Muddi mal stirbt, dann setzt er sich aufs Sofa, macht die Augen zu, schläft ein und wacht einfach nie mehr auf. Davon waren wir schon immer überzeugt. Er will ja immer auf sie aufpassen, er liebt sie ohne Ende. „Ich will unbedingt 95 werden“ hatte er mal nach seinem 90. Geburtstag gesagt. „Wie kommst du da jetzt drauf?“, fragte Claus. „Dann ist Muddi auch mal 90 geworden und der Bürgermeister kommt auch zu ihrem Geburtstag“.

Wir hatten nie einen Zweifel daran, dass sie keine 90 und 95 Jahre alt werden könnten.

Einen Arzt können wir jetzt nicht sprechen, es ist Wochenende!

Als wir wieder zurück sind suchen ein paar Sachen für Muddi zusammen, sie braucht Unterwäsche, Schlafanzüge und noch ein paar Kosmetikartikel. Dabei merken wir, dass der Wäschekorb im Bad ziemlich voll ist. Montags wird bei denen ja immer Wäsche gewaschen. Wir bitten Vaddi, etwas anderes anzuziehen, damit wir diese Sachen auch noch mit waschen können.

Völlig gegen die Normalität waschen Edda und ich Wäsche am Samstagabend. Und gleich auch noch ein Tempotaschentuch in Vaddis schwarzer Hose mit. Toll!

Normalität, was ist das? Normal war, dass bei den beiden auch nur vormittags eingekauft wurde.

Als Edda und ihr Mann Roland mal da waren, war der kleine Fernseher kaputt und sie wollten einen Neuen für Vaddis Arbeitszimmer kaufen. Für Sport, wenn Muddi etwas anderes sehen wollte. Vaddi herrschte sie an: „Am Nachmittag kann man doch keinen Fernseher kaufen!“ Sie haben es trotzdem gemacht. Man konnte es tatsächlich auch am Nachmittag.

Alles musste immer seinen gewohnten Gang gehen, keine Überraschung, dann war die Welt in Ordnung. Auch das wollten wir damals so sehen.

Der nächste Tag war ein Sonntag und Vaddi wollte heute nicht mit zum Krankenhaus. So verbringen Edda und ich den Vormittag bei Muddi im Krankenhaus, mittags essen wir mit Vaddi, er hatte etwas gekocht.

Am Nachmittag nehmen wir Karin mit. Wir können immer noch keinen Arzt sprechen. Daraufhin schreiben wir einen Brief an die Schwestern der Station, die völlig überlastet sind, damit sie diesen Brief an den Arzt geben. Wir bitten dabei um ein neurologisches Konsil, da wir vermuten, dass sie einen Schlaganfall hatte. Die Innere, auf der sie liegt, interessiert sich nur für Muddis Blutarmut. Kein Mensch kann uns Auskunft geben, nicht mal Muddi, die Station ist bis oben vollgestopft mit Patienten, selbst im Besucherraum sind Patienten untergebracht.

Unterkapitel 4

Unterkapitel 4

Außerdem unternahmen sie viele Reisen, vor allem sehr gerne mit ihrem VW Campingbus. Meist in den hohen Norden, aber es ging auch auf ‘Verwandtschaftstour’ in den Süden von Deutschland. Sie waren immer bester Laune.

Niemand von uns Verwandten wohnt in Schleswig Holstein.

30 Jahre sind nun nach ihrem Umzug nach Schleswig Holstein vergangen. Unsere Eltern waren irgendwie schon lange alt. Aber nicht gebrechlich. Nein, sie waren immer noch richtig tolle Alte, mit denen man noch was anfangen kann!

Mein Mann Claus und ich wohnten früher aus beruflichen Gründen in Baden-Württemberg.

Da haben wir, von den zahlreichen Sommerurlauben einmal abgesehen, an denen wir gerne auch das Haus ‚hüteten‘, wenn die zwei auf ihren vielen Reisen waren, immer geschaut, dass wir entweder Weihnachten oder Silvester mit ihnen verbrachten. Es könnte ja das letzte Gemeinsame sein. Jahrelang.

Endlich sind wir an der Autobahnabfahrt, von hier aus sind es nur noch wenige Kilometer bis zu den beiden. Doch wir mochten auch erst gar nicht in die Straße einbiegen und kauften lieber erst mal Blumen für Karin, Liebeslakritzen für Muddi und Trostschokolade und Blumen für Vaddi.

Die Tür vom Haus ist nicht abgeschlossen. Als wir hereinkommen sitzt Vaddi im Wohnzimmer auf dem Sofa und weint! Wann haben wir unseren Vater denn mal weinen gesehen? Wir setzen uns zu ihm und weinen auch! Es ist so schwer, Vaddi wieder zu beruhigen, er hat, genau wie wir, furchtbar Angst, Muddi zu verlieren. „Ich weiß nicht einmal, wie es ihr geht, es hat auch keiner angerufen“, stammelte er. Er war mit der Situation jetzt plötzlich völlig überfordert.

Er ist 93 Jahre alt. Er hat kein Auto mehr und traute sich auch nicht, das Haus zu verlassen, weil er dann telefonisch nicht erreichbar ist. Er hoffte so sehr auf einen Anruf vom Krankenhaus.

Ich bin so froh, dass ihr hier seid, wisst ihr schon was? Ist Muddi tot?“ „Wie kommst du drauf?“ wollte Edda erschrocken wissen. „Weil ihr allebeide hier seid.“

Natürlich wissen wir nichts, wer sollte uns denn angerufen haben? Wir fahren zusammen direkt los ins Krankenhaus.