Unterkapitel 6

Unterkapitel 6

Der Sonntagabend mit Vaddi wird für uns beide ziemlich anstrengend. Eigentlich hatten Edda und ich Redebedarf, was da jetzt so passiert ist. Aber Vaddi hatte auch Redebedarf. Er wollte uns unbedingt noch die Geschichte erzählen, wie er beim Militär 13 Männer, die alle Meier hießen, in ihre verschiedenen Abteilungen unterbringen musste. Sie hießen fortan nur noch Meier 1 bis 13. Edda kannte diese Geschichte schon und gab vor, sehr müde zu sein. „Ich geh schon mal rüber in unsere Ferienwohnung und leg mich hin“, sagte sie. Vaddi schaute ziemlich enttäuscht und ich versprach ihm, ein Bier mit ihm zu trinken. Dann kann er mir die Geschichte einmal in aller Ausführlichkeit erzählen. Sie war sehr spannend, doch leider hatte auch ich sie schon mehr als duzend Male gehört.

Da Vaddi überhaupt nicht über Muddi reden wollte, ließ ich ihn damit auch in Ruhe. Ich hätte zwar gerne gehört, wie sich das alles die letzten Tage abgespielt hatte, aber, wie gesagt, ich ließ ihn damit in Ruhe. Er muss sich bestimmt mit seinen anderen Geschichten ablenken und ich fand das dann auch in Ordnung.

Am nächsten Morgen, nachdem wir mit Vaddi gefrühstückt hatten, kaufen Edda und ich erst mal in der Stadt ein paar Dinge für Muddi ein. Sie braucht etwas Unterwäsche, Pullis und Jogginghose und einen neuen Schlafanzug. Ihre Sachen im Schrank sind allesamt nicht mehr so toll. Das ist uns früher nie so aufgefallen, Nacht- und Unterwäsche sahen wir höchstens mal montags auf der Leine zum Trocknen. Da haben wir vielleicht auch mal drüber geschmunzelt, was Muddi für Schlüpfer trägt und die ausgeleierten Schlüpfer dienten immer als Putzlappen. Wir können uns alle an diese Lappen mit rosa oder hellblauen Blümchen erinnern, wenn wir im Badezimmer waren.

Neue Hausschuhe zu kaufen war wirklich nicht so einfach. Wir fanden ein Paar mit Klettverschluss, die auch bis über die Knöchel reichen. Edda und ich probierten sie jeder in unserer Größe an und dann kauften wir auf Verdacht ein Paar in Muddis Größe.

Die Schlafanzugshose lassen wir in einer Änderungsschneiderei nach Gefühl kürzen, denn Muddi ist klein. Jetzt kostet der Schlafanzug gleich doppelt so viel, aber wir wissen nicht, ob Muddis Nähmaschine noch funktioniert, ob Vaddi uns dazu Zeit lässt und sie braucht das ja alles am besten schon gestern…

Es ist ja nun Montag und wir hegen große Hoffnung, heute einen Arzt sprechen zu können. Als wir im Krankenhaus angekommen sind, ist Muddis Platz im Krankenzimmer leer. In uns krampft sich alles zusammen. Was ist los?

Sie ist zur Magenspiegelung“, sagte ihre Bettnachbarin. Wir warten auf dem Flur, auf dem an einer Wand, wie in einem Kino, solche Einklappstühle angebracht sind. Hektisches Treiben ist auf dem Flur, Schwestern und Ärzte eilen an uns vorüber, den Blick immer auf irgendetwas gerichtet, um nur ja keinen Angehörigen ansehen zu müssen. Dazu ist jetzt keine Zeit.

Ein Bett wird am Ende des Flures um die Ecke geschoben, wird dort abgestellt, keiner brachte das Bett ins dazugehörige Zimmer. Keine Zeit, scheinbar. Edda und ich sitzen auf dem Flur, nur ein paar Meter entfernt und merken nicht, dass der Patient in dem Bett da Muddi ist.

Direkt neben uns auf dem Flur wird ein Gespräch Arzt – Angehöriger geführt. Wir bemühen uns inständig, nicht zuzuhören und beschäftigen uns sehr intensiv damit, auch diesen ~ nicht Zuhörer~ Eindruck zu unterstreichen. Für uns hat man keine Zeit.

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