Unterkapitel 2

Unterkapitel 2

Ich bin seit langer Zeit OP Fachschwester, halbtags nur noch und hatte gerade eine Freiwoche an meiner Arbeitsstelle, wohl musste ich am Samstag wieder ran, aber wenn es schlimm wäre, dann wären wir mal eben hingefahren. Es sind etwa 300 Kilometer, aber wenn etwas wäre, hätten wir das gemacht. Nach dem Telefongespräch stand das aber für uns nicht mehr zur Debatte, so dick sei der Fuß nun auch nicht, sagte Vaddi.

Am Donnerstag rief ich noch einmal dort an, denn ich wollte jetzt hören, wie es Muddi geht. Da hatte ich ja einen Grund. Wieder ging nur Vaddi dran und sagte, sie würde immer noch im Bett liegen. „Jetzt winkt sie dir zu“, sagte er.

Der Portapotti, also die tragbare Toilette aus ihrem früheren Campingbus, steht neben dem Bett, ebenso eine Flasche Wasser. Dann braucht sie nicht so weit laufen.

Vaddi war noch nie der großartige Telefonierer, er war da eigentlich immer kurz angebunden und wenn er nicht, so wie jetzt, an Muddi weitergeben kann, dann ist das Gespräch eben nur kurz.

UNS GEHT’S GUT!!!“

Kurz angebunden war Vaddi eigentlich nur am Telefon. In den letzten Jahren, so ganz schleichend, hatte er mehr und mehr geredet. Am Schönsten war es, wenn wir bei ihnen draußen im Garten saßen und man zwar in einer großen Gruppe, aber dennoch mit ihm nebeneinander allein saß. Vaddi ist seit dem Krieg auf einem Ohr völlig taub, das bedeutet, man musste sich ihm ganz widmen. Was der Rest der Gruppe sagte, nahm er nur als Geräusch wahr. Er war also bei seinem Gesprächspartner sehr aufmerksam. Und er redete eigentlich ständig selber. Ich habe immer gedacht, er redet wahrscheinlich nur deswegen, weil er so schlecht hört. Dann kann er auch nichts falsch verstehen. Denn was er sagt, weiß er ja.

Manchmal, früher, wenn Vaddi wie ein Buch geredet hatte, dann hatte Muddi gewinkt oder den Arm gehoben, wie in der Schule, weil sie auch etwas sagen wollte.

Wir waren immer zu höflich gewesen, Vaddi in seinem Redeschwall zu unterbrechen. Doch wenn er denn mal die Luft anhielt, dann hatte Muddi vergessen, was sie sagen wollte.

Das ist uns auch schon mal passiert, manchmal verzettle ich mich selber, wenn ich zu weit aushole. Dann hab ich das eigentlich Wesentliche, das ich sagen wollte, auch schon mal vergessen.

Was wollte ich sagen? Ach ja, hätten wir uns da schon Sorgen machen sollen?

Hätte sie mir heute etwas Wichtiges sagen wollen?

Am Freitag, 21.1.2011 am Nachmittag rief Karin erneut an. „Deine Muddi sieht so komisch aus, auch im Gesicht. So grün irgendwie.“ Wir rieten, einen Arzt zu rufen, was sie aber nicht machen wollte. Ich versuchte telefonisch die Hausärztin zu erreichen, aber da ist natürlich am Freitag Spätnachmittag keiner mehr. Dann rief ich bei Vaddi an, dem nun auch bei der ganzen Geschichte mit Muddi nicht mehr so wohl war. „Ich hab mich gestern Nacht nicht ausgezogen, falls mit Muddi was ist.“ „Warum hast du uns denn nicht angerufen?“ wollte ich wissen. „Ach, ich wollte euch nicht beunruhigen, es ist ja auch nichts gewesen“, meinte er daraufhin. „ Karin hat aber gesagt, Muddi ginge es gar nicht gut“, sagte ich.“ Ja schon“, antwortete er.

Bitte ruf einen Krankenwagen“ beschwor ich ihn. Er fühlte sich allerdings überfordert, die 112 anzurufen. Wir beruhigten Vaddi und sagten, er solle mal Muddis Krankenkassenkarte suchen, wir würden uns kümmern.

Von Ostfriesland aus beauftragten wir einen Krankenwagen in Schleswig Holstein. Leider keinen Notarzt! Aber wir wollten auch nicht so viel Tatü Tata haben. Karin baten wir, rüberzugehen und sich ein bisschen zu kümmern.

Wenig später war dann der Krankenwagen da, Karin ist mit ein paar eiligst zusammengepackten Habseligkeiten von Muddi mitgefahren.

Die Zeit war für mich sehr lang, ich wollte nicht zu früh wieder anrufen, aber am liebsten hätte ich ständig einen Lagebericht erhalten. So viel Aufregung und die 2 sind ganz alleine.

Ich telefonierte mit meiner Schwester Edda, die am Niederrhein wohnt und suchte mir eine Kollegin, die sich netterweise noch am Freitagabend bereit erklärte, am Samstag für mich meinen 24 Stunden-Bereitschaftsdienst zu machen. Das ist normalerweise nicht so einfach.

Edda wollte morgen natürlich mit mir zusammen zu Muddi und Vaddi fahren.

 

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